Johann - Karl - Wezel - Gesellschaft Sondershausen e.V.

Wezel

 



Johann Karl Wezel - Dichter und Philosoph
31.10.1747 - 28.01.1819



Johann Karl Wezel: Leben und Werk

  • Dr. Jutta Heinz hatte am Sonntag, den 17.10.2010 in Sondershausen die erste Druckausgabe der Wezel- Biographie vorgestellt:
    Zum Bericht

  • Johann Karl wurde am 31.10 1747 in Sondershausen/Thüringen als Sohn des Reisemundkochs des Fürsten Heinrich von Schwarzburg - Sondershausen geboren. Sein Großvater mütterlicherseits war am Hofe tätig - so lernte Wezel als Kind das Hofleben aus nächster Nähe kennen. Seine illegitime Abstammung vom Fürsten Heinrich, die mehrfach schon vermutet wurde, kann nicht nachgewiesen werden.

  • Wezel besuchte von 1755 bis 1764 das Lyzeum in Sondershausen. Der Schulleiter ist der Dichter Nikolaus Dietrich Giseke, ein Freund Klopstocks und Mitarbeiter bei den Bremer Beiträgen, einer wichtigen Literaturzeitschrift im 18. Jahrhundert. Als begabter Schüler erhielt Wezel Sprachunterricht bei dem Konrektor und Schriftsteller Gottfried Konrad Böttger. Gegen Ende seiner Schulzeit begann Wezel, an einer Übersetzung der Ilias in deutsche Hexameter zu arbeiten. Außerdem beherrschte er das Geigenspiel virtuos.

  • 1765 beginnt er mit dem Studium in Leipzig. Zunächst studiert er Theologie, dann Jura, Philosophie, Philologie und die schönen Wissenschaften, besonders die Literatur. Wezel zieht in das Haus von Christian Fürchtegott Gellert ein und wohnt dort, bis Gellert 1769 stirbt.

  • 1772 verfasst er das dramatische Gedicht Filibert und Theodosia, 1773 erscheint der erste Band der Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt. Die Bände 2 bis 4 schreibt Wezel von 1774 bis 1776. Wezels erster Roman lässt sich in die Reihe der Nachahmungen des englischen Autors Laurence Sterne einordnen, der mit den Leben und Ansichten Tristram Shandys ein Werk schafft, das aufgrund seiner degressiven Erzähltechnik als Vorbild für viele experimentierfreudige Romanautoren in Deutschland gilt.

  • 1776 wird Wezel nochmals kurze Zeit als Hauslehrer in Berlin tätig, bevor er 1777 endgültig nach Leipzig kommt. 1776 verfasst er den Roman, den er selbst als seinen besten bezeichnete, der jedoch bei seinen Zeitgenossen großes Aufsehen erregt: Belphegor oder die wahrscheinlichste Geschichte unter der Sonne. Für diesen Roman nimmt er Voltaires Candide oder der Optimismus zur Grundlage, den der französische Autor 1759 nach dem Erdbeben von Lissabon (1755) schrieb.

  • Johann Heinrich Merck, ein als Rezensent angestellter Mitarbeiter beim Teutschen Merkur, schreibt im Auftrag Wielands eine negative Kritik über den Belphegor, die Wezel sehr verstimmte. Zu diesem Roman schafft Wezel 1777 bis 1779 mit Herrmann und Ulrike einen Gegenentwurf. Mit diesem erfüllt Wezel mit seinem Roman den Maßstab, den Friedrich von Blanckenburg 1774 in Anlehnung an Wieland und Fielding dem Romanautor in seinem Versuch über den Roman setzt. Wieland beurteilt dementsprechend Herrmann und Ulrike im Gegensatz zum Belphegor als den besten deutschen Roman, der ihm je vor Augen gekommen sei. Mit der Lebensgeschichte Tobias Knauts, Belphegor und Herrmann und Ulrike habe ich die drei umfangreichsten Romane Wezels angeführt. Im Zeitraum von 1776 bis 1785 entstanden noch weitere kleinere Romane, Erzählungen, Satiren und v.a. theoretische, philosophische und pädagogische Schriften.

  • 1776 veröffentlicht Wieland im Teutschen Merkur Wezels Ehestandsgeschichte des Philipp Peter Marks in drei Fortsetzungen. 1779 verfasst Wezel die Ehestandsgeschichte der Wilden Betty als Pendant zum Peter Marks. Beide Ehestandsgeschichten erscheinen 1779 im Druck mit Illustrationen von Daniel Chodowiecki.

  • 1777/78 erscheinen zwei Bände der Satirischen Erzählungen Wezels. Im ganzen sind es sechs Erzählungen; die bekannteste ist wohl Silvans Bibliothek oder Die Gelehrten Abenteuer. Wezel greift mit dieser Geschichte einen Stoff auf, den schon Jonathan Swift, bekannt durch Gullivers Reisen, in The battle of the books behandelte.

  • 1778 beginnt Wezels Karriere als Lustspielautor. Das bekannteste Lustspiel ist wohl Eigensinn und Ehrlichkeit. Bis 1787 erscheinen vier Bände; den größten Teil der Lustspiele verfasst Wezel wohl während seines Aufenthalts als Theaterdichter in Wien von 1782 bis 1784.
  • 1778 schreibt er neben Rezensionen für die Zeitschriften Das deutsche Museum und Neue Bibliothek der schönen Wissenschaften und freyen Künste auch Pädagogische Unterhandlungen für das Dessauer Philanthropinum. Wezel erhielt sogar ein Angebot für eine Festanstellung, zog es aber vor, als freier Schriftsteller in Leipzig zu bleiben, da er vorerst aufgrund seiner langjährigen Hauslehrertätigkeit kein Interesse daran hatte, praktisch als Erzieher zu arbeiten. Für das Dessauer Philanthropin schreibt er dennoch mehrere pädagogische Unterhandlungen, verfasst kleinere Dichtungen und schreibt Defoes Robinson Crusoe für Jugendliche um. Im gleichen Jahr tut dies auch Joachim Heinrich Campe. Beide hatten sehr verschiedene Ansichten darüber, wie man für junge Leute schreiben sollte. Wezel richtete sich gegen den moralisierenden Tonfall und die religiösen Passagen, die er besonders an Defoes Robinson kritisiert. Er plädiert für ein klares Deutsch und einfachen Stil, richtet sich aber gegen die kindliche Sprache, wie sie Campe verwendete. Campe streitet in zwei Hamburger Zeitungen hart gegen Wezel. Ihm missfallen vor allem die langen Reflexionen Robinsons, die Wezel integriert und die seines Erachtens Jugendlichen Langeweile bereiten. Campes Angriffe gegen Wezel sind sicher ein Grund dafür, dass Wezel nach dem dritten Quartal seine Lieferungen für das Dessauer Philanthropinum stoppt und den Robinson Krusoe. Neu bearbeitet 1779/80 in zwei Teilen als eigenen Roman veröffentlicht.

  • Aufgrund des Vorworts zum Robinson Krusoe kommt es zum Streit mit dem Leipziger Hofrat und Zensor Böhme. Dieser bezichtigt Wezel der Blasphemie wegen eines Ausdrucks: Wezel hatte nämlich Jean Jacques Rousseau von einem "Fixstern" auf sie herabschauen lassen. Der Prozess endet, als Böhme stirbt. Wezel hatte vorher Leipzig verlassen, hielt sich 1780 einige Zeit in Gotha auf, kehrt nach Leipzig zurück und plant, dort eine Erziehungsanstalt für Jugendliche von 12 bis 18 Jahren zu gründen. Leider kommt es nie zur Umsetzung.

  • 1781 erfolgt nämlich schon der nächste Streit Wezels von größerer Tragweite mit dem Philosophieprofessor Ernst Platner. Wezel hatte sich in der theoretischen Schrift Über Sprache, Wissenschaften und Geschmack der Deutschen kritisch gegen die Theodizee von Leibniz gewendet. Ernst Platner äußert sich daraufhin in einer Vorlesung über Wezel und seine schriftstellerischen Fähigkeiten. Wezel wehrt sich gegen dieses harte Kritik: beide veröffentlichen in den folgenden Monaten mehrere Streitschriften gegeneinander. Wezel wird von den Anhängern Platners stark verleumdet; sogar seine Förderer stellen sich dieses Mal hinter den Popularphilosophen und Universitätsprofessor Ernst Platner. 1782 verlässt Wezel Leipzig. Er geht nach Wien, wo er bis 1784 als Theaterdichter arbeitet. Er verfasst neben weiteren Lustspielen auch den Brief- und Dialogroman Wilhelmine Arend oder die Gefahren der Empfindsamkeit. Hier behandelt er, dieses Mal fast ohne satirischen Spott, die "Modekrankheit" "Empfindsamkeit", gegen die sich viele Aufklärer richten, die aber ebenfalls ihre Fürsprecher findet. Es sei nur an die englischen und französischen empfindsamen Briefromane Clarissa von Samuel Richardson und Die neue Heloise von Jean Jacques Rousseau erinnert.

  • 1784 erscheint Wezels letzter märchenhafter Roman: Kakerlak oder Geschichte eines Rosenkreuzers aus dem vorigen Jahrhunderte, in dem Wezel sowohl den Fauststoff als auch die Feenmotivik gestaltet. 1784 veröffentlicht Wezel den ersten Band seiner Anthropologie Versuch über die Kenntnis des Menschen; der zweite Band erscheint 1785. Wezel stützt seine Untersuchung konsequent auf Erfahrungen, Wahrnehmungen und Beobachtungen, die er zunächst sammelt, dann systematisiert. Der Plan zu dieser Anthropologie umfasst 5 Bände, in denen Wezel weiterhin Ideen, Wollen und Tun des Menschen sowie hypothetische Fragen wie den Glauben und die Religion untersuchen will. Doch die Leipziger Zensur verhindert die Veröffentlichung schon des dritten Bandes. Wezel sieht sich aufgrund der strengen Zensur seiner Existenzgrundlage beraubt. In Leipzig befindet er sich bald in großen Geldnöten, da er seine anthropologischen Studien nicht publizieren darf. Außerdem ist er sehr enttäuscht von der Reaktion bzw. Nicht-Reaktion des Publikums auf seine Werke. 1785 erscheint noch die komische Verserzählung Prinz Edmund; 1787 der letzte Band der Lustspiele. Dann hören, abgesehen von einigen Gedichten, die Veröffentlichungen auf. 1787 startet Wezel noch einen Versuch, die ihm 1778 angebotene Stelle am Dessauer Philanthropinum zu bekommen, aber auch dieses Unternehmen scheitert. Er wird abgelehnt; und Friedrich Nicolai in Berlin, Herausgeber der Allgemeinen deutschen Bibliothek, antwortet nicht einmal auf Wezels Bitte, den dritten Band der Anthropologie in Berlin zu veröffentlichen.

  • 1793 kehrt Wezel dann endgültig nach Sonderhausen zurück. Fremdzeugnisse berichten von seiner einsetzenden Schwermut und Hypochondrie. Inwiefern Wezel wahnsinnig war und wie dieser Wahnsinn aussah, darüber gibt es nur sehr spärliche Fremdzeugnisse, z.B. diejenigen von August von Blumröder, der am Hofe angestellt und als Wezels so genannter Mentor eingesetzt war. Auf keinen Fall aber lässt sich Wezels Werk, das zu Zeiten bester Gesundheit entstand, durch seine spätere geistige Verwirrung interpretieren, wie dies z.B. Blumröder tat und damit an Wezel Rufmord beging.

  • Um 1800 bringt man Wezel nach Hamburg zu Dr. Hahnemann, einem homöopathischen Arzt für Irrenheilkunde. Dieser schickt Wezel zwar ungeheilt zurück, jedoch setzt die Bemerkung hinzu, dass der Dichter nicht unheilbar sei.

  • 1804/05 erscheinen die drei Bände Gott Wezels Zuchtruthe des Menschengeschlechts. Wezel bestreitet die Autorschaft; auch die Zeitgenossen halten seine Verfasserschaft für unmöglich. Eventuell war ein gewisser Gustav Teubner der Autor, doch ist ungeklärt, ob nicht eventuell einzelne Texte in diesen drei Bänden aus Wezels Feder stammen könnten.

  • Am 28.1. 1819 stirbt Wezel in Sondershausen als mittlerweile schon fast vergessener Dichter.

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Sterbehaus Wezels